Stimme in der Wüste

Meditation zum 2. Adventssonntag

Was hat das Heil der Welt mit skrupellosen Machtpolitikern zu tun? Wer um die Taten dieser Männer weiß, wird die Namen zu Beginn des Evangeliums als Liste des Schreckens lesen. Tiberius - ein Kaiser, der seine Macht mit grausamer Härte durchgesetzt hat. Pontius Pilatus - der Mann, der elende Berühmtheit erlangte. Herodes - der Herrscher, der später Johannes den Täufer umbringen ließ.

Es war im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius; Pontius Pilatus war Statthalter von Judäa, Herodes Tetrarch von Galiläa, sein Bruder Philippus Tetrarch von Ituräa und Trachonitis, Lysanias Tetrarch von Abilene; Hohepriester waren Hannas und Kajaphas. Da erging in der Wüste das Wort Gottes an Johannes, den Sohn des Zacharias. Und er zog in die Gegend am Jordan und verkündigte dort überall Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden. (So erfüllte sich,) was im Buch der Reden des Propheten Jesaja steht: Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! Jede Schlucht soll aufgefüllt werden, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, was uneben ist, soll zum ebenen Weg werden. Und alle Menschen werden das Heil sehen, das von Gott kommt.
Lukas 3, 1-6
 
 
 
Was hat das Heil der Welt mit skrupellosen Machtpolitikern zu tun? Wer um die Taten dieser Männer weiß, wird die Namen zu Beginn des Evangeliums als Liste des Schreckens lesen. Tiberius - ein Kaiser, der seine Macht mit grausamer Härte durchgesetzt hat. Pontius Pilatus - der Mann, der elende Berühmtheit erlangte: nicht nur, weil er Jesus ans Kreuz brachte, sondern wegen seiner Gräueltaten unter der jüdischen Bevölkerung. Herodes - der Herrscher, der später Johannes den Täufer umbringen ließ.
 
Ausgerechnet in diese Situation hinein ergeht das Wort Gottes. Ein Trost für alle, die sich angesichts unserer aktuellen Weltnachrichten fragen: Wo ist Gott? Heilsgeschichte geschieht im Rahmen der Weltgeschichte. Und das Heilswirken Gottes durchbricht die Logik der Macht.
 
Ein neuer Name wird genannt. Johannes, Sohn des Zacharias, der bereits als schwaches Kind im Mutterleib von Gott berufen worden war. Johannes wird zum Botschafter des Heiles. Er wirkt als „Stimme in der Wüste“. Die Wüste als Ort völliger Stille verschluckt normalerweise jeden noch so lauten Ruf. Hier ist es anders. Aus der Stille erwächst die Kraft zum Neuanfang.

Und wer diese kraftvolle Stimme hört, ist kein Statist. Hörerin und Hörer des Wortes werden aktiv: Wege bereiten, die Straßen ebnen, Schluchten auffüllen. Was ist das für ein Wort, das eine solche Kraft verleiht? Das Heil, das von Gott kommt, wird die Ansammlung der grausamen mächtigen Männer weit in den Schatten stellen. Ihre Namen sind längst Geschichte. Der Name Jesus hingegen bedeutet Heil. Gottes Wort reicht als Ruf in die Gegenwart: Neuanfang, Advent -  sind wir bereit?

Christian Heß
Pfarrer in der Seelsorgeeinheit March-Gottenheim,
Erzdiözese Freiburg
 
Foto: © Angelika Kamlage