Der „ungläubige“ Thomas
Meditation zum 2. Sonntag der Osterzeit
Furcht
Mit großer Selbstverständlichkeit stellt das Evangelium die Furcht der Jünger fest. Das ist merkwürdig. Warum sollten sich die Jünger fürchten? Mit dem schändlichen Tod ihres Meisters war nicht nur dessen Ansehen, sondern auch das seiner Bewegung ruiniert. Genau genommen gab es keinen Grund für diese Furcht, außer vielleicht einem …
Kann man öffentlich mit der Behauptung auftreten, man habe vor kurzem mit einem hingerichteten Verbrecher Mahl gehalten? Als Reaktion ist da Unverständnis zu erwarten, wie Paulus es in Athen erlebt. Oder man wird ausgelacht! Vermutlich wollten sich die Jünger weder blamieren noch lächerlich machen. Das ist ihre Angst.
Zweifel
Das wird unterstrichen durch die Zweifel in den eigenen Reihen. Thomas, immerhin einer von den Zwölf, formuliert ein eindeutiges Kriterium und verlangt einen Beweis. Seit fast 2000 Jahren gilt er deswegen als der „ungläubige Thomas“. Im Freiburger Münster steht seine Figur am Fuß des Chorbogens dem Auferstandenen genau gegenüber. Sein Zweifel rückt ihn mitten ins Kerngeschehen der Kirche.
Aber keine Zeile des Textes erzählt davon, dass Thomas wirklich die Wunden Jesu berührt hätte. Die Begegnung mit dem Auferstandenen berührt ihn so tief, dass er nur noch stockend seinen Glauben bekennen kann: „Mein Herr und mein Gott!“ Der Zweifel führt Thomas in eine Christusbegegnung hinein und eröffnet ihm einen neuen Zugang zum auferstandenen Meister der gemeinsamen Wanderjahre.
Verwandlung
Der Auferstandene wird an seinen Wunden erkannt. Die irdische Vergangenheit Jesu ist zugleich ein Teil seiner verwandelten Wirklichkeit. Der Auferstandene ist der Gekreuzigte, der er war und umgekehrt. Jede Osterkerze zeigt die Symbole der Kreuzeswunden und bezeugt diese Kontinuität.
In der Erfahrung eines Zweiflers wie Thomas wohnt aber auch eine Verheißung. In der Begegnung mit dem Auferstandenen wohnen Chancen für Neues: Wunden können verwandelt werden. Mut wächst aus Furcht. Und Zweifel sind manchmal ein Weg zum Glauben.
Dr. Thomas Dietrich
Landvolkpfarrer und Leiter der Abteilung Sozialpastoral im Erzbischöflichen Seelsorgeamt Freiburg
Foto: Angelika Kamlage
In der Begegnung mit dem Auferstandenen wohnen Chancen für Neues.
Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.
Thomas, der Didymus genannt wurde, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.
Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder drinnen versammelt und Thomas war dabei. Da kam Jesus bei verschlossenen Türen, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger hierher aus und sieh meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.
Noch viele andere Zeichen hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen.
Joh 20,19-31
Thomas, der Didymus genannt wurde, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.
Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder drinnen versammelt und Thomas war dabei. Da kam Jesus bei verschlossenen Türen, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger hierher aus und sieh meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.
Noch viele andere Zeichen hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen.
Joh 20,19-31
Furcht
Mit großer Selbstverständlichkeit stellt das Evangelium die Furcht der Jünger fest. Das ist merkwürdig. Warum sollten sich die Jünger fürchten? Mit dem schändlichen Tod ihres Meisters war nicht nur dessen Ansehen, sondern auch das seiner Bewegung ruiniert. Genau genommen gab es keinen Grund für diese Furcht, außer vielleicht einem …
Kann man öffentlich mit der Behauptung auftreten, man habe vor kurzem mit einem hingerichteten Verbrecher Mahl gehalten? Als Reaktion ist da Unverständnis zu erwarten, wie Paulus es in Athen erlebt. Oder man wird ausgelacht! Vermutlich wollten sich die Jünger weder blamieren noch lächerlich machen. Das ist ihre Angst.
Zweifel
Das wird unterstrichen durch die Zweifel in den eigenen Reihen. Thomas, immerhin einer von den Zwölf, formuliert ein eindeutiges Kriterium und verlangt einen Beweis. Seit fast 2000 Jahren gilt er deswegen als der „ungläubige Thomas“. Im Freiburger Münster steht seine Figur am Fuß des Chorbogens dem Auferstandenen genau gegenüber. Sein Zweifel rückt ihn mitten ins Kerngeschehen der Kirche.
Aber keine Zeile des Textes erzählt davon, dass Thomas wirklich die Wunden Jesu berührt hätte. Die Begegnung mit dem Auferstandenen berührt ihn so tief, dass er nur noch stockend seinen Glauben bekennen kann: „Mein Herr und mein Gott!“ Der Zweifel führt Thomas in eine Christusbegegnung hinein und eröffnet ihm einen neuen Zugang zum auferstandenen Meister der gemeinsamen Wanderjahre.
Verwandlung
Der Auferstandene wird an seinen Wunden erkannt. Die irdische Vergangenheit Jesu ist zugleich ein Teil seiner verwandelten Wirklichkeit. Der Auferstandene ist der Gekreuzigte, der er war und umgekehrt. Jede Osterkerze zeigt die Symbole der Kreuzeswunden und bezeugt diese Kontinuität.
In der Erfahrung eines Zweiflers wie Thomas wohnt aber auch eine Verheißung. In der Begegnung mit dem Auferstandenen wohnen Chancen für Neues: Wunden können verwandelt werden. Mut wächst aus Furcht. Und Zweifel sind manchmal ein Weg zum Glauben.
Dr. Thomas Dietrich
Landvolkpfarrer und Leiter der Abteilung Sozialpastoral im Erzbischöflichen Seelsorgeamt Freiburg
Foto: Angelika Kamlage