Wem im Netz geglaubt wird
11.08.2026 |
Zwei Befunde aus Zürich und Bochum
In der Debatte um christliche Influencer/-innen wird fast immer über Reichweite gestritten: Hoffnungsträger für eine Kirche im Netz oder theologische Verflachung mit großem Publikum? Zwei Veröffentlichungen aus diesem Jahr verschieben die Frage und erforschen, wie digitale Glaubwürdigkeit zustande kommt und woran sie hängt.
Konsistenz schlägt Sichtbarkeit
Ein Forschungsteam um Patrick Todjeras und Sabrina Müller hat im April im Blog Digital Religion(s) der Universität Zürich Ergebnisse aus dem gleichnamigen Forschungsschwerpunkt vorgestellt. Der Kern: Autorität entsteht relational. Weder die Followerzahl noch die formale Beauftragung erklärt, wem im Netz geglaubt wird.
Aufschlussreich ist die Faktorenanalyse zur wahrgenommenen Authentizität. Von den drei sich ergebenden Faktoren (Konsistenz und Kompetenz, Sichtbarkeit, Einzigartigkeit) trägt vor allem der erste.
Die Konfession sortiert nicht mehr
Ende Juli hat katholisch.de aus einem Beitrag der Bochumer Religionswissenschaftlerin Anna Neumaier für die August-Ausgabe der Herder-Korrespondenz berichtet. Neumaier, die das Forschungsprojekt „RediCon" leitet, dämpft die Erwartungen an Bekehrungswirkungen: Vollständige Kehrtwendungen oder Konversionen seien nicht der Regelfall, weil Nutzende online überwiegend das suchen, wovon sie ohnehin überzeugt sind.
Ausschlaggebend für die Gefolgschaft sei die gesellschaftspolitische Verortung: Haltungen zu queeren Menschen, zur Rolle der Frau in der Kirche, zu Abtreibung, Migration, Pluralität. Die Konfession spielt dabei kaum eine Rolle. Neumaier: „Offensichtlich strahlen politische Diskurse auf religiöse Identitäten aus."
Begleitung ist wichtiger als Produktion
Glaubwürdigkeit hängt an der Stimmigkeit von Person, Botschaft und Praxis. Wer Ehrenamtliche und Hauptamtliche ins Netz schickt, sollte weniger über Posting-Frequenz reden und mehr über theologische Urteilsfähigkeit und darüber, was jemand verantworten kann, wenn Gegenwind kommt.
Neumaiers Beobachtung zur Selbstermächtigung verdient dabei eigene Aufmerksamkeit. Verabschieden sich Menschen aus moderierten Settings wie Gottesdienst oder Gesprächskreis, verschwindet mit der Moderation auch der Ort, an dem Widerspruch geübt wird. Diese Leerstelle füllt kein Reel.
