Enzyklika Magnifica Humanitas

16.06.2026 | Ein Standpunkt und Einladung zum Gespräch

Pfingstmontag hat Papst Leo XIV. seine erste Enzyklika veröffentlicht. Er setzt sich in ihr auch mit Fragen zur Künstlichen Intelligenz auseinander. Unsere Kollegin Tanja Matok aus Regensburg hat einen Standpunkt verfasst. Außerdem laden wir zur Auseinandersetzung beim digitalen Stammtisch am 29. Juni, 16 Uhr, ein. 

Der Standpunkt von Tanja Matok, Regensburg
 
Macht KI uns menschlicher oder nur effizienter?
Magnifica Humanitas – Eine Enzyklika auch über KI
„Sie [Anm. Künstliche Intelligenz] muss entwaffnet und lebensfreundlich gemacht werden.“ (Nr. 110). Mit diesem Satz bringt Papst Leo XIV. auf den Punkt, worum es in seiner ersten Enzyklika auch (aber nicht ausschließlich) geht. Magnifica humanitas – „die großartige Menschheit“ – erschien am Pfingstmontag, 25. Mai 2026, und trägt den Untertitel „Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“.

KI ist nicht neutral

Die Enzyklika fragt gar nicht erst, ob KI gut oder schlecht ist; sie hält die Frage für zu kurz gegriffen (vgl. Nr. 4, 9 und 104). Stattdessen macht sie klar: Technik ist nie neutral. Sie trägt die Züge derer, die sie entwerfen, finanzieren und regulieren. Wer ein KI-System einsetzt, übernimmt damit Entscheidungen, die längst andere getroffen haben: darüber, was sichtbar wird, was als wertvoll gilt, was als Risiko und was als wichtig.
Leo XIV. arbeitet das in den biblischen Bildern vom Turmbau zu Babel (vgl. Gen 11,1-9) und dem Wiederaufbau der Mauern Jerusalems (vgl. Neh 2-6). Babel steht für eine Zivilisation, die Würde der Effizienz opfert, auf Uniformität statt Gemeinschaft setzt und die eigene menschliche Schöpfungskraft so überhöht, dass der Mensch sich selbst zu Gott macht. Jerusalem und Nehemia stehen für das Gegenteil: nämlich das gemeinsame Bauen, das Einbinden verschiedener Stimmen und die Ausrichtung des eigenen Handelns auf Gott. Welches Menschenbild – Babel oder Jerusalem – hinter einer technischen Anwendung steht, etwa hinter einem KI-Tool, ist eine Frage, die weit vor der konkreten Anwendung zu beantworten ist.
Was der Papst daraus ableitet, bündelt er in einem Bild: KI „entwaffnen“ (Nr. 110) und fordert damit, die selbstverständliche Gleichung „technische Macht ist gleich Herrschaftsrecht“ aufzubrechen. KI muss der Logik des wirtschaftlichen, militärischen und geistigen Wettstreits entzogen werden und sie soll dadurch hinterfragbar, anfechtbar und lebensfreundlich werden.

Wie also mit digitalen Werkzeugen umgehen?

Die Enzyklika richtet sich nicht nur an Politik und Konzerne. Sie spricht uns alle an als Menschen, die in digitalen Räumen handeln. Einige Haltungen, die sie nahelegt:
 
•        Bewusst entscheiden, wann KI nicht zum Einsatz kommt (Nr. 100 und 140)
Nicht alles muss die KI übernehmen. Wenn sie uns das eigene Nachdenken abnimmt, lassen wir sie besser weg, auch wenn das schnelle Ergebnis lockt. Wenn sie Mitgefühl oder Rat nur vortäuscht, ersetzt sie kein echtes Gespräch. Und bei schwerwiegenden, unumkehrbaren Entscheidungen, die die Würde des Menschen berühren, sollte man sie ebenfalls weglassen.
 
•        Eine „Hygiene der Aufmerksamkeit“ pflegen (Nr. 146).
Das heißt: Sich bewusst Pausen vom ständigen Online-Sein gönnen. Mal still werden, sich in eine Sache vertiefen, nicht sofort auf jede Nachricht reagieren, beten. So bewahren wir uns eine innere Freiheit gegenüber der Dauerpräsenz digitaler Technologien.
 
•        Sich keine Beziehung vorspiegeln lassen (Nr. 99 f.).
Ein Chatbot kann freundlich klingen, mitfühlend wirken, sogar fromm reden. Aber er fühlt nichts. Eine echte Umarmung, ein gemeinsames Essen, ein Mensch, der wirklich da ist, darin ist auch der Heilige Geist zu spüren. Das kann keine Technologie ersetzen.
 
•        Die eigene Sprache im Netz prüfen (Nr. 214).
Wie reden wir eigentlich im Netz? Welche Vorurteile, welche Schärfe schwingt mit? Jedes Wort ist eine Chance: die Wahrheit sagen, jemanden trösten, Unrecht ansprechen, jemandem eine Stimme geben, der sonst nicht gehört wird. Oder das Gegenteil.
 
•        Unterscheiden lernen (Nr. 132 ff.)
Was stimmt, und was können wir getrost beiseitelassen? Im Netz vermischen sich Fakten, Meinungen und gezielte Falschinformation; gerade hier braucht es ein geübtes Urteil.
 
•        „Sich auf den Baustellen unserer Zeit die Hände schmutzig machen.“ (Nr. 16, Nr. 241)
So formuliert es der Papst. Also: nicht in der eigenen Blase bleiben, nicht weltfremd abseitsstehen, sondern anpacken. Beten, planen, mitarbeiten. Gott im Blick, den Menschen im Mittelpunkt. Für digitale Räume gilt das genauso wie für analoge.
 
Was das für die Digitalpastoral bedeutet
„Die Enzyklika liefert uns kein Programm. Aber sie liefert ein Beurteilungsraster, das wir jetzt auf konkrete pastorale Situationen anwenden können.“, sagt Tanja Matok, Leitung der Fachstelle Medien und Digitalpastoral. Für die Fachstelle kommt die Enzyklika zur richtigen Zeit. Künstliche Intelligenz in der pastoralen Praxis war in diesem Fachbereich von Anfang an ein Schwerpunkt, v.a. in der konkreten Anwendung in der Pastoral und im Religionsunterricht.

Ein bewährter Maßstab, neu angewandt

Leo XIV. erfindet das Rad nicht neu und zeigt so zugleich den dynamischen Charakter der Soziallehre, dem Grundbestand kirchlicher Gesellschaftsethik. Er nimmt die Prinzipien der Soziallehre und wendet sie auf die res novae an, die „neuen Dinge“, in diesem Fall auf Digitalisierung, KI und Robotik.
Die Sozialprinzipien, die die Enzyklika historisch und im Licht einer KI-geprägten Gegenwart entfaltet, liefern kein Pauschalurteil über KI als Technologie. Sie liefern Prüffragen, mit denen man jede technologische Anwendung, von Algorithmen in sozialen Netzwerken bis zu KI-Werkzeugen, beleuchten kann:
 
1.     Wer steckt hinter einem System und wer profitiert davon? – Gemeinwohl (Nr. 59–64)
Das Streben nach Gemeinwohl bedeutet, allen Menschen in der Gesellschaft ihre Würde zuzugestehen. Gemeinwohl entsteht, wo Menschen an einem gemeinsamen Ganzen arbeiten: Aus dem Netz ihrer Verbindungen wächst ein Mehr für alle. Für digitale Lebenswelten folgt daraus, dass Algorithmen und digitale Infrastrukturen der Allgemeinheit, Einzelnen wie Gemeinschaften, einen Vorteil verschaffen müssen. Sie dürfen nicht allein Effizienzkriterien und dem Gewinn weniger genügen.
 
2.     Wem gehören die verwendeten Daten? - Allgemeine Bestimmung der Güter (Nr. 65–67)
Dieses Prinzip besagt, dass die Güter der Erde grundsätzlich allen Menschen gehören, bevor sich daraus Privateigentum entwickeln darf. Und es wird in der vorliegenden Enzyklika ausgeweitet: Was bisher für Land und Rohstoffe galt, gilt nun auch für Algorithmen, Patente, Plattformen, Gesundheits- und Verhaltensdaten: Sie gehören im Grunde der ganzen Menschheit. Ballen sie sich bei wenigen Konzernen, entsteht ein digitaler Kolonialismus – die Abhängigkeit ganzer Weltregionen von wenigen großen Anbietern.
 
3.     Stärkt ein digitales Werkzeug den einzelnen Menschen und seine Gemeinschaft? - Subsidiarität (Nr. 68–72).
Subsidiarität heißt, dass Entscheidungen möglichst auf der Ebene fallen sollen, auf der Menschen betroffen sind. Übergeordnete Ebenen sollen nur einspringen, wo die kleinere Ebene überfordert ist und ihre eigene Freiheit zum Wohle des Gemeinwohls nicht mehr ausüben kann. In einer Welt, die von großen Technik-Konzernen geprägt ist, muss man feststellen, dass die eigentliche Macht bei den Anbietern der digitalen Werkzeuge liegt, nicht mehr beim Staat. Subsidiarität würde hier verlangen, dass lokale Gemeinschaften nachvollziehbare Algorithmen, gerechten Zugang zu Daten und die Möglichkeit erhalten, Entscheidungen anzufechten.
 
4.     Wessen Arbeit steckt unsichtbar in diesem System – und ist sie fair bezahlt? - Solidarität (Nr. 73–76)
Solidarität ist die Übernahme von Verantwortung füreinander, besonders für die Schwächeren. Verantwortung endet nicht an Grenzen; sie schließt digitale Lebenswelten und kommende Generationen ein. Und auch die unsichtbare Arbeitskette hinter jedem KI-System: vom Rohstoffabbau, um Grafikkarten und Rechner zu bauen, bis zur schlecht bezahlten Aufbereitung der Trainingsdaten und händischen Nachkorrektur der KI-Systeme. Weder die eingesetzte Arbeitskraft in oft prekären Verhältnissen noch die Umweltauswirkungen werden hier sichtbar gemacht. Sie erfordern aber unsere Aufmerksamkeit und Solidarität.
 
5.     Wessen Interessen waren schon bei der Entwicklung im Spiel – und zeigen sich in der fertigen Anwendung? - Soziale Gerechtigkeit (Nr. 77–80, 109).
Soziale Gerechtigkeit fragt, ob die Strukturen einer Gesellschaft jedem zukommen lassen, was ihm zusteht, und ob alle fair teilhaben können. Gerechtigkeit ist dabei eine Bedingung von Anfang an, kein nachträgliches Ziel. Schon beim Entwurf eines technischen Systems entscheidet sich: Wer trainiert die KI – und wer ist bloß ihr Trainingsmaterial? Überwachung und benachteiligende Algorithmen müssen von vornherein verhindert werden.
Je öfter Menschen sich diese Fragen stellen, desto mehr wächst etwas von der "großartigen Menschheit", von der die Enzyklika spricht. Ein langer Weg, der sich zu gehen lohnt.
 
Fragen, die bleiben
Die Enzyklika lädt, ganz im Sinne von Subsidiarität, zur eigenen Beurteilung ein. Das ist auch Herausforderung für die Praxis.
Was Leo XIV. über den pastoralen Einsatz von generativer KI schreibt, ist knapp. Ethisch und gesellschaftlich bewertet er KI sehr präzise, und das hat auch Auswirkungen auf die Pastoral; wie generative KI konkret genutzt werden kann und soll, dazu schweigt das Lehrschreiben. Diese Lücke zu füllen, ist Aufgabe der Praxis vor Ort.
Drei Fragen bleiben darüber hinaus offen:
 
1.     Was ist mit den jungen Menschen? Sie erscheinen im Text fast nur als Schutzbedürftige, was sie einerseits auch sind. Andererseits kommt kaum vor, was sie in digitalen Räumen längst tun: Communities bauen, Glauben öffentlich verhandeln, Kultur gestalten. Eine Perspektive, die Jugendliche vor allem als gefährdet wahrnimmt, unterschätzt sie und ihr Wirken in digitalen Räumen.
 
2.     Wer setzt die Forderungen durch? Der Text fordert von Staaten, Konzernen, Entwickler/-innen Verantwortung, Rechenschaft und Transparenz. Offen bleibt, wie damit umzugehen ist, wenn die Adressaten kein Interesse daran haben, an der „großartigen Menschheit" festzuhalten.
 
3.     Wer durfte sprechen? Bei der Vorstellung im Vatikan sprachen Kardinäle, Theologinnen, ein KI-Forscher aus den USA. Die Menschen, um deren Würde es geht – die Datenarbeiter/-innen in Kenia, die Arbeiter/-innen in den Lithiumminen, die Jugendlichen in prekären digitalen Jobs –, sprachen nicht selbst. Das schwächt den Anspruch, für alle zu sprechen. Und es ist ein Auftrag an die Weltkirche, diesen Stimmen Gehör zu verschaffen. Und auch an uns und die Hilfswerke, hier Solidarität zu zeigen.
 
Tanja Matok, Leitung der Fachstelle Medien und Digitalpastoral, Hauptabteilung Seelsorge
 
Die Enzyklika im Wortlaut:
 
 
 
 
Am 29. Juni 2026, 16 Uhr, lädt das Team von Digitalpastoral zu einem Austausch im Rahmen des Stammtisches PiN (Pastoral im Netz) über die Enzyklika ein. Hier geht es zur Anmeldung: