Die "Dead Internet Theory"

11.11.2025 | Kann das Netz wieder auferstehen?

Wieso ist der Auferstandene in Form des "Shrimp-Jesus" zum Symbol der Dead Internet Theory geworden?
Warum stirbt das Netz?
Und: Kann es wieder auferstehen?
 
Gedanken zum heutigen Internet, in dem der Mensch durch die Masse an KI-Inhalten anscheinend verdrängt wird.
 

Quelle: KI generiert (von Belbury mit Microsoft Copilot)

Shrimp-Jesus

Um Ostern 2024 gingen auf Facebook sehr ungewöhnliche Jesus-Darstellungen viral: Der Auferstandene mit Shrimp-Körper – oder bestehend aus vielen kleinen Shrimps oder auch Jesus, den Shrimps aus dem Körper wuchsen.
Bilder, die so absonderlich anmuteten, dass sie das Doom-Scrolling der Nutzer unterbrachen und zumindest für einen Moment die Aufmerksamkeit auf sich zogen.
Kommentiert wurden diese Darstellungen häufig mit „Amen“ – mit oder ohne betende Hände.
Dass hierbei zum Großteil Maschine mit Maschine oder besser Bot mit Bot interagierte, fiel nicht jedem Betrachter auf: Wie die Universität Stanford in einer Studie feststellte, kamen die Shrimp-Jesus-Bilder von sogenannten Content-Farmen (Websites, die massenhaft KI-generierte Inhalte ins Netz posten) und auch viele der Kommentare wurden von Bots hinterlassen.

Die Dead Internet Theory

Analysen zeigen, dass mittlerweile etwa die Hälfte dessen, was wir im Internet sehen oder lesen, nicht von einem Menschen stammt. Von dieser Beobachtung ausgehend entstand die sogenannte „Dead Internet Theory“. Sie besagt, dass der Mensch im Netz irgendwann zur Ausnahme wird und nur noch Roboter miteinander kommunizieren.
Das Internet, wie wir es kennen, stirbt.
Doch welche Rolle nimmt der Mensch dann noch ein? Ist er nur noch Konsument – oder, extremer ausgedrückt, Opfer der KI-Modelle?
Schließlich ist schon jetzt das Internet kein vertrauenswürdiger Raum mehr. Denn neben Bilder- und Kommentar-Generatoren gibt es noch unzählige weitere Funktionen, für die KI heutzutage genutzt wird: Realistisch wirkende News-Portale, die Fake-News verbreiten, History-Podcasts, die erfundene Geschichten erzählen, oder auch Pilz-Ratgeber, die auf Amazon verkauft werden und in denen giftige Pilze zu Delikatessen erklärt werden.
Woher weiß ich, welcher Seite ich trauen kann, welche Inhalte nur meine Aufmerksamkeit zu Geld machen möchten oder welche Links ausschließlich dem Sammeln meiner Daten dienen?
Das Internet gerät in eine Vertrauenskrise. So verliert es seinen Wert als Ort der Vernetzung, Verbindung, Vergemeinschaftung.
Das Internet stirbt.

Kann das Netz auferstehen?

Aus christlicher Perspektive fasziniert es mich, dass genau ein Bild des Auferstandenen zum Symbol für diesen Niedergang wurde.
Ist so in diesem Verfall nicht auch eine Hoffnung impliziert?
Die Hoffnung auf eine Auferstehung des Netzes?
Es gibt verschiedene Theorien, wie das Sterben des Internets aufgehalten oder in eine Metamorphose überführt werden kann: Manche sehen eine Chance darin, dass wir uns durch die Überflutung mit künstlichen, teils betrügerischen Inhalten, wieder neu auf die Suche nach dem Wahren, dem Vertrauenswürdigen machen. Wieder genauer hinschauen, wieder häufiger nachfragen.
Und dann kann im Netz aus dieser Flut an seelenlosen Inhalten wieder eine neue Gemeinschaft von Menschen erstehen.
Für mich ein durchaus christlicher Gedanke.
 
 
Zum Nach- und Weiterlesen:
Ansprechperson

Magdalena Sauter

Diözesanbeauftragte für Internetseelsorge und Digitale Pastoral im Bistum Würzburg