Ist die Verwendung von künstlicher Intelligenz in der religiösen Praxis ein Irrweg oder kann KI Menschen in der Ausübung ihrer religiösen Vollzüge unterstützen? Ein Artikel von Jonas Simmerlein in der Theologisch-Praktischen Quartalschrift gibt Auskunft zu diesen Fragen.
„KI erreicht die Religion“ war der Titel der Ausgabe vom 16. Februar dieses Jahres im Bistumsblatt „[inne] halten“ der Erzdiözese München und Freising. Im Heft erklärt die Theologin und Ethikerin Anna Puzio in einem Interview, in welchen kirchlichen Bereichen der Einsatz von KI sinnvoll sein könnte. Sie kommt jedoch zu dem Schluss, dass man in diesem Bereich noch ganz am Anfang stehe. In einem weiteren Artikel des Magazins geht es um ein umstrittenes Kunstprojekt, das ein Team unter wissenschaftlicher Begleitung der Universität Luzern durchgeführt hat: „Deus Machina“. Besucher konnten in einer Kapelle in Luzern mit einem „KI-Jesus“ sprechen, der in einem Beichtstuhl auf Bildschirm erschien.
In der Theologisch-praktischen Quartalschrift (4/2024) befasste sich Jonas Simmerlein im Artikel „Fortschritt oder Irrweg? Künstliche Intelligenz in religiösen Praktiken“ systematisch mit der Frage, ob KI in seelsorglicher Praxis relevant ist.
Einleitend identifiziert er KI als „allgegenwärtiges“ Thema, zu dem sich auch Kirchen und Religionsgemeinschaften positionieren müssen. Vorab wäre jedoch zu klären, was KI eigentlich ist, welche Aufgaben sie tatsächlich übernehmen kann. Daran müsse man beurteilen, ob diese Fähigkeiten und Fertigkeiten auch für religiöse Praxis relevant sind.
Bevor der Autor diese Frage beantwortet, skizziert er einige Beispiele, in denen KI bereits in religiöser Praxis verwendet wird. Sein Fokus ist dabei multireligiös. Er unterscheidet zwischen religiösen KI-Technologien und religiöser Robotik. Im Bereich religiöser Technologien nennt er beispielsweise den „eRosary“, mit dem sich der tägliche Gebetsfortschritt tracken lässt, oder die App „Text with Jesus“, die biblische Chatpartner simuliert. Bei den Robotern führt er „Pepper“ als Beispiel eines humanoiden Roboters an, der buddhistische Begräbnisrituale durchführen kann. „Robotic Process Automation“ (RPA) findet beispielsweise beim Transport von Urnen Anwendung. Weitere Anwendungsbereiche gibt es im Bereich unterstützender Robotik, z. B. mit „Carl“, einem Roboter mit Videochatfunktion auf Rädern, der stellvertretend an Beerdigungen teilnehmen und aus der Ferne navigiert werden kann.
Die Frage nach sinnvollen Perspektiven der Verwendung von KI in religiösen Kontexten beantwortet Jonas Simmerlein hinsichtlich dreier Perspektiven:
Auf ethischer Ebene stellen sich Fragen nach der Sicherheit, der Verantwortlichkeit, rechtliche Fragen der Datenverwendung und des Ressourcenverbrauchs von KI.
Aus religionsphänomenologischer Sicht fragt Simmerlein, worum es bei religiösen Praktiken eigentlich geht: Geht es um mehr als nur verbale Kommunikation und um den Austausch von Informationen, ist KI schnell an einer Grenze angelangt.
Simmerlein folgert in seiner prospektiven Empfehlung, dass KI ungeeignet ist, den Menschen in religiösen Praktiken zu ersetzen. KI ist als Tool mit begrenztem Nutzwert in religiösen Praktiken einzuschätzen. Der KI-Einsatz hat dort eine Berechtigung, wo die Anwendung inklusiv wirkt und hilft, Barrieren zu überbrücken. Die entscheidende Frage ist: „Wie kann künstliche Intelligenz Menschen in ihrer religiösen Praxis unterstützen?“