Zeitenwende in der digitalen Kirche?

27.03.2025 |

In seinem Essay „Zeitenwende in der digitalen Kirche? “ beschreibt Philipp Greifenstein, wie die digitale Kirche nach der Corona-Pandemie und den politischen Umwälzungen der letzten Jahre eine neue Phase erreicht. Er fordert, sich vom Silicon-Valley-Denken zu lösen und christliche Werte sowie gesellschaftliche Verantwortung in den Mittelpunkt zu stellen.

Zentrale Punkte:
 
Ernüchterung und Umwälzungen:
 
 
Nach dem digitalen Boom während der Pandemie herrscht in den digitalen Kirchen Ernüchterung. Sich in und mit digitalen Medien zu engagieren hat sowohl bezüglich Verkündigungsformaten wie auch der Digitalisierung von Arbeitsprozessen stark nachgelassen.

Zudem hat sich die Situation der „Social-Media-Landschaft“ in jüngster Zeit drastisch verändert: Viele der großen Plattformen, z. B. „X“ (vor Übernahme durch Elon Musk „Twitter“), haben neue Netzwerk-Strategien und sich US-Regierungsvorgaben angepasst. Nicht zuletzt dadurch sind sie zentraler Schauplatz für politische Auseinandersetzung, bis hin zur digitalen Kriegsführung, aber auch für den derzeit weltweit ausgetragenen Kulturkampf („Meta Politik“) geworden.

Der Autor des Essays fordert: „Für solche Entwicklungen muss auch eine Kirche, die zumeist weiß, reich und multi-privilegiert ist, sensibel werden, auch wenn sie nicht zu den ersten Opfern neuer (Plattform-)Politiken gehört, sondern sogar zu den umworbenen Partnern von Autokraten, Rassisten und Faschisten.“ Er folgert daraus, dass Deutschland und Europa eigene, verlässliche digitale Infrastrukturen benötigt.
 
 
Kritik an Tech-Giganten:
 
Die Entwicklungen bei den großen digitalen Playern, nicht ausschließlich im Bereich Social Media sondern auch bei Satelliten- oder Cloud-Diensten, machen die Verwundbarkeit für Desinformation und einseitige (politische) Einflussnahme in Europa deutlich. Greifenstein verweist diesbezüglich auf das Buch von Ingo Dachwitz und Sven Hilbig, "Digitaler Kolonialismus: Wie Tech-Konzerne und Großmächte die Welt unter sich aufteilen". Darin werden Strukturen der Ausbeutung von menschlicher Arbeit und von Daten offengelegt.

Greifenstein fordert, digitale Kirche müsse Konsequenzen ziehen: Statt sich selbst unkritisch der Dienste der Medienkonzerne zu bedienen, sollten sich die christlichen Kirchen widerständig zeigen, auf Fehlentwicklungen in der digitalen Kommunikation in den Netzwerken hinweisen und sich gegen digitale Ausbeutung einsetzen.
 
 
Christliche Digitalisierung:
 
Der Autor mahnt zwei Grundparadigmen an, deren sich Kirchen bei der Nutzung sozialer Kommunikationsmittel neu bewusst werden sollten: Die Digitalisierung in der Kirche soll der Evangeliumsverkündigung und dem Gemeinwohl dienen. Greifenstein weist aber auch darauf hin, dass es kein Zurück mehr vor die Digitalität geben kann. „Die Digitalisierung von Arbeitsprozessen (z. B. digitale Meetings, Finanzverwaltung und Büroorganisation) und Verkündigungsformen (z. B. digitale Gottesdienste, Online-Gemeinden, Social-Media-Arbeit) sind kein Selbstzweck, Hobby oder Add-On zur bisherigen (analogen) Arbeit in den Kirchen, sondern in einer digitalisierten Gesellschaft notwendige Querschnittsaufgabe. Eine Kirche in der Digitalität wird notwendigerweise immer auch (kursiv i. O.) digitale Kirche sein, will sie mit den Menschen gemeinsam pilgernde Kirche sein. (Lumen Gentium 50)“
 
Auf der Grundlage dieser Paradigmen stellt der Autor eindeutige Forderungen für die Kommunikation in den Medien auf. Eine „christliche Digitalisierung“, die sich nach christlichem Ethos und nach der katholischen Soziallehre richtet, sollte folgende Akzente setzen:
  • Vorrangige Verwendung von Open-Source- und Open-Data-Lösungen
  • Eintreten für (digtal) Schwache und Benachteiligte
  • Beachtung von Sicherheits- und Nachhaltigkeitsaspekten
  • Engagement gegen hybride Kriegsführung
  • Verstärktes Community-Management der (digitalen) Kirche
  • Einflussnahme auf öffentlich-rechtliche Medien zur Schaffung alternativer, gemeinnütziger digitaler Infrastrukturen
  • Schärfung eines evangeliumsgemäßen Profils statt Anpassung an Plattformlogiken
 
KI als Prüffall christlichen Handelns
 
Beim Einsatz von KI im kirchlichen Kontext hält Greifenstein es für unabdingbar, Verhältnismäßigkeit und Angemessenheit zu prüfen. KI könne menschliche Gesprächspartner nicht bei der Kommunikation des Evangeliums ersetzen, aber beispielsweise als Werkzeug für Community-Management dienen. Zudem stellten sich bei der Verwendung von KI Fragen der Nachhaltigkeit und des Umgangs mit Ressourcen, die der Bewahrung der Schöpfung entgegenstehen.
 
 
Abkehr vom Silicon-Valley-Denken: 
 
„Mit dem Disruptions-Denken und dem Tech-Kapitalismus des Valleys sollten die Kirchen auf Kriegsfuß stehen,“ schreibt Greifenstein und plädiert für eine Abkehr vom Wachstumsdenken und eine Orientierung an den Bedürfnissen der Menschen. Nicht Klicks und Likes sollten Maßstab sein, sondern die (Beziehungs-) Qualität der digitalen Gemeinschaften.
 
Die anfangs diagnostizierte „digitale Ernüchterung“ könne positive Effekte haben, denn „Pausieren und Maßhalten“ würden einem christlichen Wachstumsbegriff eher entsprechen. Greifenberg empfiehlt digitales Engagement in gut dosierten Projekten, mit denen die Menschen Schritt halten können. Es geht nicht um einen Abbruch aber „… eine Abkehr von gewohnten digitalen Pfaden, eine Umkehr von evangeliumswidrigen Wegen und ein dauerhafter Abschied von gefährdenden Infrastrukturen wird auf diese Weise denkbar. Viele Menschen vollziehen einen solchen Abschied, z. B. von den Social-Media-Plattformen, für sich privat bereits schon, während kirchliche Akteur:innen stur in ihren feindlich gesonnenen, gesundheitsgefährdenden und politisch mindestens fragwürdigen Habitaten weitersenden.“
 
Essay im Eule-Magazin, veröffentlicht am 10. März 2025
 
Ansprechperson

Josef Strauß

Fachreferent, 5.MD – Medien und Digitalität, Erzbistum München und Freising