Geht Gemeinschaft auch digital?

26.10.2023 |

Können Online-Gottesdienste eine vergleichbare Gemeinschaftserfahrung bieten wie Gottesdienste in einer Kirche? Dorothee Adrian präsentiert im Podcast SRF-Perspektiven überzeugende Erfahrungen und Argumente für das gemeinschaftsstiftende Potenzial digitaler Communities.

Eine zusammenfassende Rezension des Podcast-Beitrags "Kirche in der Cloud - geht Gemeinschaft auch digital?"
 
Dorothee Adrian beschäftigt sich in dieser Folge des Podcasts SRF-Perspektiven[1] mit der Frage, ob Online-Gottesdienste vergleichbare Gemeinschaftserfahrungen ermöglichen wie ein Gottesdienste vor Ort in einer Kirche. In Gesprächen mit verschiedenen Akteuren „digitaler Kirche“ diskutiert sie Erkenntnisse aus Online-Gottesdiensten. Daraus leitet sie Kriterien ab, wie Gemeinschaft im Netz funktioniert. Abschließend gibt sie einen Ausblick, welche Bedeutung digitale Gottesdienstformate in Zukunft in der Kirche haben könnten.
 
Im Podcast kommen unter anderem Meinrad Furrer und Birgit Mattausch zu Wort. Sie wirken im ökumenischen Projekt „Brot und Liebe“ mit, das via Zoom-Videokonferenz Gottesdienste „im Storytellingformat“ feiert. Simon Weinreich ist „Netz-Abt“ im „Netzkloster“, einem Gebets- und Meditations-Projekt der evangelisch-methodistischen Kirche in der Schweiz. Auch Teilnehmer:innen der genannten Netz-Initiativen kommen zu Wort. Sabrina Müller, habilitierte Theologin und Geschäftsleiterin des universitären Forschungsschwerpunkts „Digital Religion(s)“ an der Universität Zürich, kommentiert die Erfahrungen und Beobachtungen aus den Projekten.
 
Der Podcast führt zunächst kurz die digitalen Projekte, die als Referenz zum Thema dienen sollen, ein. Eine Definition, was unter „Gemeinschaft“ genau zu verstehen ist, wird nicht vorgenommen.[2] Es geht um digitale Gottesdienstformen, die sich teilweise an bewährten präsentisch-analogen Formaten orientieren.
 
Gleich zu Beginn wird herausgestellt, dass eine Unterscheidung zwischen analog und digital nicht zielführend ist. Eine Feststellung, die mittlerweile im Bereich einer Theologie der Digitalität allgemeiner Konsens ist.[3] Sabrina Müller spricht von einer „künstlichen Trennung“ und betont, dass auch in anderen Bereichen digitaler und mobiler Online-Kommunikation die Vernetzung „gleich real und gleich relevant“ ist wie analoge Kommunikation. Als Beispiel zieht sie Social Media heran: Beziehungen, die über Messenger oder Kommunikationsplattformen entstehen, sind „genauso tief, interessant und inspirierend“ wie analoge Begegnungen. Sie stellt fest: „Digital Bekannte bleiben sich nicht fremd, sondern sind miteinander vertraut.“ Dasselbe bestätigen Teilnehmer der genannten Online-Gottesdienste, wie im Verlauf des Podcasts zu erfahren ist:
 
Im Netzkloster wird gemeinsam meditiert.[4] Eine Einheit besteht aus zweimal 20 Minuten stiller Zeit im Sitzen, unterbrochen von einer Geh-Pause. Die Teilnehmer richten sich zu Hause so ein, dass sie ungestört meditieren können. Einige drehen den Zoom-Bildschirm auf die Seite, so dass sie für die anderen Teilnehmer sichtbar bleiben, sich aber während der Stille nicht auf den Bildschirm konzentrieren. Für viele ist diese wöchentliche Einheit als Fixpunkt bedeutsamer Teil ihres Lebens geworden. Gefragt nach den Vorzügen des digitalen Formats betonen sie, dass es einfacher in den Alltag zu integrieren ist und man trotzdem Gemeinschaft erlebt und sich vernetzt fühlt. Netzabt Simon erklärt, „dass der Netzraum wie ein stiller Raum in einem Kloster ist“. Er ermöglicht niederschwellig, klösterliches Leben im Alltag zu praktizieren. Indem man dies gemeinsam mit anderen tut, entsteht Verbindlichkeit und Verbundenheit.
 
Im zweiten Beispiel, das im Podcast vorgestellt wird, bestätigen sich diese Erfahrungen: Das Online-Treffen bei „Brot und Liebe“ fühlt sich gleichwertig wie ein Treffen im analogen Raum an. Die Möglichkeiten Gemeinschaft zu erleben und zu gestalten, seien sogar noch besser als bei einem Gottesdienst in einer Kirche, meint Birgit Mattausch. Das läge an vielen Optionen, sich zu beteiligen, z. B. per Chat oder anderen interaktiven Tools und den individuellen Bezügen, die hergestellt werden. Die persönlichen Geschichten der Teilnehmer sollen bei den Treffen im Vordergrund stehen. Weitere feste Element im Zoom-Gottesdienst sind jeweils eine „Mahlfeier“ und Bitt- bzw. Dank-Gebet“. Absicht der „Macher“ ist, die christliche Botschaft neu zu erzählen und sie ins Heute zu übersetzen. Mittlerweile ist eine Gottesdienstgemeinde entstanden, der sich viele Menschen zugehörig fühlen. Die Brot-und-Liebe-Gemeinde ermöglicht Intensität und Verbundenheit. Manche Teilnehmer erfahren nach Drücken des „Verlassen-Buttons“ am Ende ein Gefühl der Leere und Einsamkeit, berichtet Meinrad Furrer. Was mitunter vermisst wird ist Berührung, sich Anfassen-Können, Verbundenheit auch körperlich spüren.
 
Die in den Beiträgen des Podcasts vorherrschende Meinung ist, dass digitale Gemeinschaft möglich ist. Die Geschäftsleiterin des Forschungsprojekts „Digital Religion(s)“ fasst zusammen: „Digitalität ist genauso ein Teil von Kirche wie ein monumentales Kirchengebäude.“ Frau Müller betont, dass analoge und digitale Formen gleichberechtigt sind. Stabilität und Tradition analoger Formen müssen sich mit den neuen, schnellen, liquiden, bedürfnisorientierten und hoch partizipativen Formaten in einer Art „mixed economy“ verbinden. Dies werde in der Kirche zu „gewaltigen Umbrüchen“ führen.
 
Dorothee Adrian zieht folgendes Fazit: „Sehr Vieles funktioniert auch online, Manches sogar besser.“ Online-Gottesdienste sind flexibler, leichter im Alltag zu integrieren, und persönlicher („Man schaut die Menschen an.“). Ein Netzkloster ersetze zwar nicht die Kirchengemeinde, gemeinsames Meditieren über Videokonferenz ist aber eine wunderbare Ergänzung. Damit Online-Gemeinschaftserfahrungen möglich sind, müssen die Gottesdienste interessant, inspirierend, berührend, vertiefend und bereichernd für das Leben sein. Die Teilnehmer sollten mitgestalten können und erfahren, dass sie angenommen sind.
 
Eine Perspektive mit Blick in die Zukunft nimmt die Autorin Dorothee Adrian am Schluss ihres Podcasts ein: Online-Kirchengemeinschaften sind möglich. Es gibt einen Trend zur Offenheit und Weite des Glaubens. Je nach Bedürfnissen und Zielgruppen werden die Gemeinschaften unterschiedlich sein. Das ist nicht die Zukunft, sondern bereits die Gegenwart der Kirche. Angesichts der Krisen und Herausforderungen der Zeit wird die christliche Botschaft weiterhin gefragt sein. Ob die Gemeinschaften physisch oder online bestehen oder man sich analog oder digital trifft, ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, die Qualität wie sich Menschen begegnen und ob die jeweilige Form in Leben und Alltag passt.
 
Abschließende Bemerkungen:
Der gut recherchierte und anregend präsentierte Audiobeitrag findet eine eindeutige Antwort auf die im Titel aufgeworfene Frage, ob (Glaubens-) Gemeinschaft auch digital möglich ist. Die Anbieter der als Beispiele aufgeführten Online-Gottesdienstformate und deren Teilnehmer führen überzeugende Erfahrungen als Argumente an, die das gemeinschaftsstiftende und Gemeinschaft ermöglichende Potenzial digitaler Communities belegen. Mit Dr. Sabrina Müller kommt darüber hinaus eine sehr kompetente Wissenschaftlerin im Podcast zu Wort, ordnet die Erfahrungen der Praxis ein und bewertet die ekklesiologische Bedeutung von Online-Gottesdiensten.
 
Die Expertise von Dr. Müller hätte es ermöglicht, den Fokus digitaler Gemeinschaft in der Kirche im Podcast zu erweitern auf Social Media Formate. In ihrer Forschung und ihren Publikationen hat sie sich beispielsweise mit christlichen Influencern befasst.[5] Diese „versammeln“ völlig anders gelagerte Gemeinschaften, die sich zwar ebenfalls aus gemeinsamen Bedürfnissen und Interessen bilden, aber wesentlich mehr den Logiken der Digitalität folgen. Die virtuellen Communities sind lose, weniger verbindliche Netzwerke mit einer inhomogenen Followerschaft.[6] Vor diesem Hintergrund hätte eine Erkenntnis des Podcasts sein können, dass digitale kirchliche Gemeinschaft nicht nur geht, sondern dass die „Kultur der Digitalität“ (Felix Stalder) die christliche Communio verändert und ganz neue Formen von Gemeinschaft hervorbringt.
 
 
[1] Podcast SRF-Perspektiven, Autorin und Sprecherin Dorothe Adrian, erschienen am 18.05.2023, online: https://www.srf.ch/audio/perspektiven/kirche-in-der-cloud-geht-gemeinschaft-auch-digital?id=12388111
[2] Eine Differenzierung verschiedener Chiffren, die digitale Gemeinschaftsformen bezeichnen nimmt beispielsweise die Midi-Studie vor. Sie unterscheidet zwischen Digitaler Kirche, Digitaler Gemeinde oder Online-Community. Vgl. midi/Evangelisches Werk für Diakonie und Entwicklung e.V. (Hg.): Digitale Communities. Eine Pilotstudie zur Followerschaft von christlichen Influencer:innen auf Instagram, S. 9, online: https://www.mi-di.de/.
[3] „Das Digitale ist kein eigener Raum, kein »Kontinent«, den man betreten (oder vor dem man stehen bleiben) könnte. Online und offline sind nicht mehr trennbar.“ Linder, Hubert: Eine streitende Kirche in digitaler Gegenwart. Warum eine Theologie der Digitalität nach Synodalität und Streitkultur verlangt, Tübingen 2023, S. 484, online: http://dx.doi.org/10.15496/publikation-82287.
[4] Christliche Meditation nach dem Herzensgebet. Vgl. https://www.netzkloster.ch/.
[6] Vgl. midi/Evangelisches Werk für Diakonie und Entwicklung e.V. (Hg.): Digitale Communities. Eine Pilotstudie zur Followerschaft von christlichen Influencer:innen auf Instagram, S. 9.
Für Sie gehört von

Josef Strauß

Fachreferent, 5.MD – Medien und Digitalität, Erzbistum München und Freising