Pastoral wird digital – neuer Wein in neue Schläuche

30.09.2021 |

Mit der Digitalisierung erhalten wir keine neuen "Werkzeuge" für die immer gleichen Methoden. Vielmehr entdecken wir neue Räume, vielleicht gar einen neuen Kontinent, unsere Botschaft fruchtbar werden zu lassen.

Digitaler Raum
“Die Einführung und der massive Einsatz digitaler Medien haben auf vielen Ebenen tiefgreifende und komplexe Veränderungen verursacht, deren kulturelle, sozialen und psychologischen Folgen noch überhaupt nicht klar sind. Mit digital sind nicht nur technologische Mittel gemeint, die die zeitgenössische Welt de facto prägen, sondern auch ihr Einfluß, der in kürzester Zeit zu etwas dauerhaft Normalem geworden ist und als selbstverständlich empfunden wird. Wir leben in einer ´durch und durch digitalisierten Kultur, die sich stark auf die Vorstellung von Zeit und Raum auswirkt sowie auf die Wahrnehmung von sich selbst, von anderen und der Welt, auf die Art zu kommunizieren, zu lernen, sich zu informieren und Beziehungen zu anderen zu knüpfen`”Mit diesen Worten markiert das in diesem Jahr erschienene Direktorium für die Katechese eine Neuausrichtung in der innerkirchlichen Debatte um Chancen und Nutzen von Digitalisierung. Bis dato wurden die „Neuen Medien“ höchstens als willkommener technischer Fortschritt gedeutet, mit dessen Mitteln man auch auf anderen „Kanälen“ die Botschaft an die Adressaten bringen konnte. Als Werkzeuge eben, die das Tagesgeschäft leichter machen sollten und, so die Hoffnung, helfen sollten, neue Zielgruppen zu erschließen – vor allem die Jugend der Welt, die so genannten Digital Natives, hatte man da im Blick.
 

Dass es leider nicht reicht, das immer gleiche in neue Gewänder zu verpacken, hat uns spätestens die Corona-Pandemie schmerzhaft vor Augen geführt. Eine gestreamte Eucharistiefeier ist eben immer noch eine Eucharistiefeier, die doch wesentlich davon lebt, dass Menschen in einem gemeinsamen Raum interagieren. Bleibt man diesem Format treu, werden die Menschen an den mobilen Endgeräten bestenfalls zu Zuschauern, allen wohlgemeinten Beteuerungen in Richtung der „Mitfeiernden an den Geräten“ zum Trotz.

Insofern erkennt das Direktorium für die Katechese folgerichtig, dass wir mit diesem technologisch orientierten Ansatz an dieser Stelle nicht weiterkommen. Die Digitalität erweist sich als Zeichen der Zeit, das es im Licht des Evangeliums zu deuten gilt. Insofern die Digitalisierung schon heute unser Leben wesentlich prägt, ist sie Bestandteil von Gottes Schöpfung, die vom Menschen gestaltet und entwickelt werden soll (Gen 1,28). Es gilt der Grundsatz christlicher Schöpfungsspiritualität, dass Gott in allen Dingen zu suchen und zu finden ist. Der Digitale Raum ist deshalb unbedingt als Pastoraler Raum zu betrachten und wertzuschätzen.

Wenn man so will, ist der Digitale Raum eine Art neuer Kontinent, den es zu missionieren gilt. Dabei ist es wichtig, nicht die Fehler kolonialer Missionszüge zu wiederholen und eine zunächst fremd scheinende Kultur den eigenen Gepflogenheiten unterwerfen zu wollen. Es gilt, nicht ohne Abenteuerlust, sich auf eine Expedition zu machen und zu entdecken, was dieser Raum und die darin agierenden Menschen uns entdecken lassen.

Die Menschen, die den Digitalen Raum bewohnen lassen sich allerdings gar nicht so klar zuordnen, wie wir das vielleicht möchten. Während unsere analogen Schäfchen sich bislang noch recht ordentlich in Pfarreien sortieren lassen, begegnen uns im Digitalen Menschen aus aller Herren Länder. Da wird greifbar, was der Apostel Paulus schreibt: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid «einer» in Christus Jesus.“ (Gal 3,28) Menschen im Digitalen Raum ordnen sich frei nach Interessen bestimmten Gruppen zu. Das kann der Lieblingsverein sein, eine Sportart oder auch eine Romanautorin, deren Bücher man liebt. Themen bringen Menschen zueinander. Klassisch gedacht würden wir hier unsere Themen setzen und auf diese Weise eine Community formen. Zahlreiche kirchlicher Gruppierungen im Netz funktionieren so. Doch obacht. Hier entstehen so genannte Filterblasen. Menschen, die sowieso schon mit diesen Themen konfrontiert sind, kommen zusammen und bilden Gruppen. Daher ist es kein Zufall, dass man in diesen Communities häufig auf immer die gleichen Personen trifft.

Der missionarische Weg führt heraus aus der Komfortzone. Statt eigene Themen zu setzen und einen Fanclub zu bedienen, heißt es Stellung zu beziehen und ganz im Sinne von Gaudium et spes 4 die Themen der Menschen im Licht des Evangeliums zu betrachten. Es geht dabei vor allem darum, mit einer christlichen Haltung an die großen Fragen der Menschheit heran zu treten. Dabei werden wir akzeptieren müssen, eine Stimme unter Vielen zu sein. Die Wahrheit ist symphonisch.

Schöner als das oben genannte Direktorium für die Katechese kann man es eigentlich nicht formulieren: „Die eigentliche Frage im Prozess der Evangeliumsverkündigung ist nicht, wie die neuen Technologien für die Evangelisierung eingesetzt werden können, sondern wie man zu einer evangelisierenden Gegenwart auf dem digitalen Kontinent werden kann.“